Hauptfiguren und ihre Begabungen
Jan
Jan ist dreizehn Jahre alt und zieht mit seiner Familie ans andere Ende der Stadt. Er ist ein begeisterter, guter Schwimmer und muss auch seinen Schwimmverein wechseln, was ihn sehr stört. Das neue Haus gefällt ihm gar nicht, sein Zimmer hasst er. Seine Nachbarin Florentine findet er nett, aber auch eigenartig (siehe Auseinandersetzung mit Flo).
Schnell wird deutlich, dass Jan Probleme mit dem Lesen hat. Im Freibad steht er an der Imbissbude: „Ich versuche ein letztes Mal, die Karte zu lesen. Tausend Schlaufen und Bögen. Kurze Wörter gehen ja oft noch. Aber auf so einer Karte sind die meisten Wörter für mich schon zu lang. Vor allem, wenn es schnell gehen muss.“ (S. 27)
Neue Freunde zu finden, ist für Jan gar nicht so leicht. Fabi ist nett, aber Linus macht viele Probleme, er steht immer im Wettkampf mit Jan. Beim Basketball ist Linus überlegen und beschimpft Jan als „Nichtskönner“ (S. 41), beim Schwimmen im Verein zieht Jan aber davon (S. 50) und wird von Trainer Rüdiger sehr gelobt. Linus quittiert dies, indem er Jans Fahrradventile klaut (S. 53). Diese Auseinandersetzungen ziehen sich durch den gesamten Text, wobei Jan versucht, sich von Linus mehr und mehr zu lösen.
Die Probleme mit dem Lesen führen zuhause, aber auch in der Schule, wo er seine Schwierigkeiten zu verheimlichen versucht, zu immer stärkeren Konflikten. Der Vater ist pessimistisch und traut Jan keine großen Entwicklungen zu, seine Mutter ist behütend und versucht alles, um die Probleme zu bearbeiten. Nur Jan selbst wird nicht wirklich gefragt, wie er dazu steht. Er sieht sich stark unter Druck, fühlt sich überfordert und machtlos. Jan muss aufgrund des Wohnortswechsels zu einer neuen Therapeutin, Frau Papendick, die dann auch eine Lese-Rechtschreibschwierigkeit diagnostiziert (S. 64). Es wird deutlich, dass Jan schon lange in Therapie ist. Die Therapeutin macht ihm klar, dass er „eigentlich zu alt für eine Therapie“ (S. 66) ist und daher immer Probleme mit dem Lesen und Schreiben (S. 67) haben wird. Frau Papendick geht mit Jan einen stärkenorientierten Weg und fordert ihn auf, alles aufzuschreiben, worin er seine Stärken sieht (S. 69), mit dem Ziel, seine Persönlichkeit zu stärken. Jan beginnt, seine Abwehrhaltung zu reduzieren, und schafft es, sich selbst besser zu verstehen und zu akzeptieren.
Als seine LRS letztendlich doch in der Schule auffliegt, beginnt er zu schwänzen und entzieht sich seinen Eltern. Die Konflikte spitzen sich zu. In Flo und Fabi findet er zwei Verbündete, die ihn nicht hängen lassen und die ihm helfen, seine Spannungspunkte anzugehen: Das Mobbing durch Linus, die Schwierigkeiten mit seinen Eltern und die massiven Probleme in der Schule.
Flo
Flo, eigentlich Florentine, ist Jans neue Nachbarin und geht auch auf die gleiche Schule wie Jan. Sie ist zwölf Jahre alt und eine begeisterte Leserin (S. 36): Zuhause reichen die Bücherregale bis zur Decke, in den Pausen steht sie lesend auf dem Schulhof. Als Haustiere hat sie Hühner (Vicki und Kicki), mit denen auch Jan gut umgehen kann. Als Vicki ausbricht und Jan das Huhn wieder einfängt, kommen Flo und Jan ins Gespräch. Langsam baut sich eine Beziehung zwischen den beiden auf, die zunächst von Misstrauen und Zurückhaltung geprägt ist. Denn wie Jan fühlt sich Flo unsicher, wenn sie auf neue Menschen trifft.
Flo spielt Geige, in der Schule ist sie als ein Mathegenie bekannt (S. 58). Jan nimmt Flo als eine Art Gegensatz zu sich selbst wahr: „Weil es [gemeint ist Mathematik] genau wie bei mir mit dem Lesen war. Nur umgekehrt irgendwie. Sie drehte durch, weil sie ein Genie war. Ich, weil ich der absolute Versager war.“ (S. 113) Flo und ihre Freundin Pattie sind die „Brainies“ (S. 72), die bei Mathematikwettbewerben mitmachen (S. 74) oder in den Sommerferien Mathecamps besuchen (S. 104). Hier erkennt Jan Parallelen zum Schwimmen. Als Flo ihn fragt, ob er diese Sommercamps „nicht nerdmäßig“ (S. 104) findet, antwortet er: „Gar nicht. Ist doch wie Trainingslager.“ (ebd.)
Flo und Jan nähern sich, trotz einiger Schwierigkeiten, immer mehr an. Letztendlich öffnet sich Jan gegenüber Flo und erzählt von seiner Lese-Rechtschreibschwierigkeit.
Begabung wird in Die beste Bahn meines Lebens als ein vielseitiges Konstrukt entwickelt, das sich auf verschiedenen Ebenen zeigt und eingebunden ist in eine vielschichtige Umgebung. Flo erscheint dabei als ein Prototyp des begabten Mädchens, wobei sie sich in vielen Domänen auszeichnet. Am auffallendsten ist ihre mathematische Begabung, die auch ihre Mitschüler*innen wahrnehmen. Ihre Freundin Pattie sagt über Flo: „Flo ist genial. Bei ihr ist alles Mathe. Sogar ihr Tagebuch besteht nur aus Säulendiagrammen und Prozent-Torten.“ (S.75) Während Pattie und auch Fabi Flo Anerkennung für ihre Fertigkeiten zollen, gehen andere deutlich schlechter mit ihr um, etwa Linus. Ähnlich wie bei Jan reagiert Linus auch bei Flo ablehnend bei besonders guten oder auch schlechten Leistungen. Hier zeigt sich, wie Begabungen oder auch Schwierigkeiten in sozialen Kontexten genutzt werden können, um ein Anderssein zu stigmatisieren und Ausschlüsse zu begründen.
Figuren-/Begabungsdarstellung
Über verschiedene literarische Figuren (Harry Potter und Hermine Granger, Pumuckl oder das Sams) werden intertextuelle Bezüge genutzt, um die Figuren zu kennzeichnen. Sie ist „[s]o richtig nerdig, wie Einstein oder so“ (S. 58), sagt Fabi, als Jan nach Flo fragt.
Dass Personen nicht einfach begabt, sondern vielschichtig sind, zeigt sich besonders bei Jan. Im Schwimmen ist er ein Ass, seine Lese-Rechtschreibschwierigkeit ist aber eine große Herausforderung, die vor allem in der Schule, aber auch in der Beziehung zu seinen Eltern, viele positive Aspekte überlagert. Bei Flo zeigen sich diese Wechselwirkungen vor allem dadurch, dass sie insgesamt eher als Außenseiterin dargestellt wird, auch wenn sie mit Pattie eine enge Freundin und mit Fabi einen Fürsprecher hat. Mit ihren Eltern pflegt Flo eine nicht ganz unproblematische Beziehung. Sie lebt bei ihrem Vater, die Mutter arbeitet in London und ich nur selten da.
Der Wechsel zwischen den erzählenden Parts aus Jans Sicht und den Infografiken aus Flos Tagebuch bieten für die Lesenden verschiedene Blickpunkte auf die Geschichte an. Die chronologisch erzählte Geschichte bekommt durch die Tagebucheinschübe noch einmal eine einordnende, rückblickende Perspektive. Auch hier werden Widersprüchlichkeiten deutlich, die sich vor allem auf der Beziehungsebene finden lassen. Die Komplexität der behandelten Themen wird nicht reduziert, sondern gerade durch die Mehrperspektivität erhalten. Hierin liegt eine besondere Stärke des Buches. Die Geschichte umspannt mehrere Wochen, beginnend mit einem Schuljahr.
Didaktische Impulse
Der Jugendroman bietet für den Unterricht neben der Auseinandersetzung mit Mobbing und Stereotypen spezifische Erschließungspunkte. Ein Aspekt sind sicherlich die Infografiken, die Flo erstellt, um ihr Erleben und ihre Gefühle darzustellen. Diese Form des Erzählens hebt sich stark von traditionellen Erzählweisen ab und bietet vielleicht auch gerade Anknüpfungspunkte für Schüler*innen, die wenig oder nicht gerne lesen. Ein weiterer Aspekt, der für einen sehr persönlichen Zugang spricht, ist die von der Therapeutin Papendick repräsentierte Form der Stärkenorientierung. Über Stärken und Fähigkeiten zu sprechen, ist für viele Personen ungewohnt und auch unangenehm. Durch den Roman werden hier Möglichkeiten eröffnet, über die eigenen Stärken zu reflektieren.
(David Rott)
Anne Becker